Anlässlich des Antikriegstags am 01. September 2025 fand im im Haus des ver.di Landesbezirks NRW in Düsseldorf eine aufrüttelnde Veranstaltung darüber statt, welche Pläne es gibt, die Krankenhäuser und medizinisches Personal in Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen.
Die Landesfachbereichtsleiterin von ver.di NRW, Susanne Hille, startete mit einer mitreißend vorgetragenen Einführung ins Thema. Sie benannte darin, wie sehr wir in dem Medien mit Worten und Bildern auf einen möglichen Krieg mit Russland geprägt werden.
Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs mit 74 Millionen getöteten russischen Soldaten und Zivilisten und die entscheidende Rolle der UdSSR bei der Befreiung Europas vom Faschismus werde dabei unterschlagen. Eine Verhandlungslösung im andauerndenen Angriffskrieg gegen die Ukraine werde von vorn herein ausgeschlossen. Sie sieht auch ökonomische Gründe dafür, schließlich werde die Rüstungsproduktion als „Motor der Wirtschaft“ bezeichnet in einer Zeit, in der die Autoindustrie und viele andere Industrien in der Krise steckten.
Die erste Referentin des Abends, die Co-Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion Angelika Claußen, skizzierte die in der „Rahmenrichtlinie Gesamtverteidigung“ der Bundesregierung von 2024 festgehaltenen Ziele in Bezug auf das Gesundheitswesen. Ein Klinik-Neubau in Köln werde mit einem Untergeschoss ausgestattet, das als vor Luftangriffen sichere Intensivstation zum Einsatz kommen könne. Als Ärztin für Traumapsychologie kennt sie auch die seelischen Folgen von Krieg aus eigener Erfahrung mit ihren Patientinnen und Patienten.
Dass die Medizin auf militärische Zwecke hin ausgerichtet werde, sieht sie als große Gefahr. Die zivilen Aufgaben des Gesundheitswesens müssten dahinter zurückstehen. Im Kriegsfall drohe eine menschenverachtende „Reverse Triage“: Genau umgekehrt als üblich, würden leichter verletzte bzw. erkrankte Menschen, besonders Soldaten, bevorzugt behandelt, damit sie an der Front oder für andere notwendige Aufgaben schnell wieder einsatzfähig werden. Die ohnehin knappen finanziellen Ressourcen des Systems würden auf Kosten der zivilen Gesundheitsfürsorge noch weiter eingeschränkt. Würden im Kriegsfall täglich wie erwartet täglich 1.000 Soldat:innen versorgt werden müssen, wären die fünf bestehenden Bundeswehrkrankenhäuser binnen weniger Tage komplett ausgelastet. Wenn Militärangehörige in zivilen Krankenhäusern behandelt würden, mache sie dies zur Zielscheibe für Angriffe. Im Falle eines Atomkriegs wäre medizinische Hilfe ohnehin praktisch unmöglich. Die große Zahl an Menschen mit schwersten Brandverletzungen und Strahlenschäden könnten nicht versorgt werden.
Deshalb ruft der IPPNW ruft in einer Kampagne Beschäftigte im Gesundheitswesen dazu auf, sich schon jetzt den Vorbereitungen und Übungen für den Kriegsfall zu verweigern, und alles dafür zu tun, die Katastrophe eines Krieges abzuwenden.
Anschließend gab Andreas Fisahn, Professor an für öffentliches Recht an der Universität Bielefeld, seine Einschätzung zu den verfassungsrechtlichen Fragen, die mit einer möglichen Dienstverpflichtung von medizinischem Personal im „Verteidigungsfall“ einhergehen. Menschen zu einer Tätigkeit zu verpflichten, widerspräche dem Grundsatz der Berufsfreiheit und dem Verbot von Zwangsarbeit. Mit Zustimmung von Bundestag und Bundesrat könne jedoch ein „Verteidigungsfall“ oder die kaum definierte Vorstufe eines „Spannungsfalls“ ausgerufen werden, was es ermöglicht, in der Verfassung garantierte Rechte auszusetzen. So könnten auch Zivilpersonen zu Pflichtdiensten herangezogen werden. Fraglich ist, ob sich Menschen dem auf Grundlage der Gewissensfreiheit verweigern können, so wie es beim Wehrdienst möglich ist.
Eine umgedrehte Triage zugunsten bald wieder einsatzfähiger Soldat:innen sei jedoch klar unzulässig, denn sie verstoße gegen die unveräußerliche Menschenwürde, indem sie Menschen zu Objekten mache.
Auch Fisahn plädiert dafür, dass sich Beschäftigte im Gesundheitswesen gegen deren Militarisierung einsetzen, er fordert dabei von den Gewerkschaften eine klar und deutliche Positionierung.
Es war ein Abend, der ein beängstigendes Szenario offenbarte, aber auch Mut machte, in diesen Zeiten stetig zunehmender verbaler, ideologischer und materieller Aufrüstung gegen den Kriegskurs auch im Gesundheitswesen vorzugehen. Leider fanden die bedeutenden Informationen im Saal mit etwa 20 Menschen zu wenige Zuhörende, wobei eine unbekannte Anzahl dem Livestream folgten. Eine Erklärung dafür kann der Termin der Veranstaltung am Antikriegstag sein, an dem viele Friedensfreund:innen wohl auf der Straße aktiv waren.
Infos der IPPNW zum Thema
https://www.ippnw.de/frieden/militarisierung.html
Der Vortrag auf youtube
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