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Faktencheck: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?“

02.05.2018

Ein Freitagnachmittag im Café „Hier & Da“ in Heckinghausen: Bei Kaffee und Kuchen sitzt ein Stammtisch von Rentnerinnen und Rentnern plaudernd und lachend beisammen. Im Schulungsraum geht ein Deutschkurs zu Ende, die Teilnehmenden grüßen in die Runde. Ein älterer Mann im Rollstuhl sitzt etwas abseits und beobachtet das Geschehen, eine Mitarbeiterin reicht ihm sein Getränk aus einer Schnabeltasse.

Für ganz kleines Geld fi nden hier verschiedenste Menschen aus dem Stadtteil, der zu den ärmsten in Wuppertal gehört, ein warmes Plätzchen, gutes Essen und soziale Kontakte. Der Bedarf an Begegnungsorten jenseits von Kommerz, Konsum und dem Rückzug ins Private sind nötiger denn je angesichts einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft und Tendenzen zur Vereinzelung. Ermöglicht wird dies durch Mitarbeitende vom zweiten Arbeitsmarkt, die unter Trägerschaft der GESA dort beschäftigt sind. Sie sind tätig beim Bedienen, Kochen und Backen, Kassieren und Putzen. Dabei wirkt die Atmosphäre entspannt und sie scheinen ein Stück weit Zufriedenheit daraus zu ziehen. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis, gebraucht zu werden, in seiner Persönlichkeit erkannt und in seinem Handeln anerkannt zu werden, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und zusammenzuarbeiten. Es ist wichtig, von einer stabilisierenden Struktur von Zeit und Ort durch den Alltag getragen zu werden.

Erwerbslosen Menschen bleiben diese grundlegenden Voraussetzungen für ein erfülltes Leben oftmals versagt, über einen langen Zeitraum hinweg oder sogar dauerhaft. Auf dem ersten Arbeitsmarkt, in dem Gewinnmaximierung, Wachstum und Effi zienz weit vor dem Faktor Mensch stehen, finden sozial bzw. gesundheitlich benachteiligte Menschen keinen Platz mehr. Sie werden als unbrauchbar aussortiert nach dem Aschenputtel-Prinzip. Was von Wirtschaft und Gesellschaft als „normal“ defi - niert ist, bewegt sich in immer engeren Grenzen. Obwohl der äußere Druck oftmals weniger offensichtlich und die Arbeit vielfach körperlich weniger belastend geworden ist, besteht heutzutage ein enormer Zwang zur Selbstoptimierung. Analog zum ökonomischen Prinzip von stetigem Wachstum, soll auch der einzelne Mensch auf allen Ebenen des Seins „an sich arbeiten“, also lebenslang lernen, körperlich fi t sein, tolle Beziehungen haben, immer Neues und Großartiges erleben, sich berufl ich ständig verändern. Die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 haben dazu beigetragen, dass benachteiligte Menschen, die hierbei nicht mithalten können, immer weiter ins soziale Abseits geraten. Betroffen sind davon auch Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen und seelischen Erkrankungen. Ein hoher Bildungsabschluss schützt längst Nummer 3 Mai 2018 „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?“ Arbeitsmarktpolitik nach dem Aschenputtel-Prinzip nicht mehr davor, keinen Platz im Berufsleben zu finden. Betroffene werden in mehr oder weniger sinnvolle und nachhaltige „Maßnahmen“ gesteckt.

Staatlich finanziert hält dies mittlerweile eine regelrechte Armutsindustrie am Laufen. Andere fi nden zwar eine Anstellung, aber unter prekären Bedingungen wie in Zeitarbeit, im Dienstleistungsgewerbe oder ohne Absicherung auf freiberuflicher Basis. Andere wiederum werden in die Erwerbsunfähigkeit gedrängt, obwohl sie arbeiten möchten. All diese Menschen verschwinden aus der stolz verkündeten Arbeitslosenstatistik. Medial wird uns suggeriert, dass es Deutschland blendend geht und der Jobmotor brummt – was wiederum den Druck auf die Ausgemusterten erhöht: Ihr seid selbst schuld an eurer Misere! Ausgeschlossen zu sein, sorgt für erhebliche Frustration, die nach innen gekehrt zu psychosomatischen Erkrankungen, mangelndem Selbstwertgefühl und Vereinsamung führen kann, außerdem zu einer resignierten Abwendung von politischem und gesellschaftlichem Engagement.

Oder an den Rand gedrängte Menschen reagieren nach außen gekehrt mit aggressivem Verhalten, sie gleiten ab in Kriminalität, tragen Gewalt in ihre Familien oder laufen rechtsnationalistischen oder anderen extremistischen Rattenfängern nach. Die neue Groko hat sich auf die Fahnen geschrieben, einen „sozialen Arbeitsmarkt“ zu errichten für diejenigen, die „im Kröpfchen“ gelandet sind. Ob dies eine Lösung ist? Vielmehr kann es die Kluft weiter vertiefen zwischen denen, die dazu gehören zum ersten Arbeitsmarkt, und den Bedürftigen, denen jede Chance auf gleichwertige Teilhabe verwehrt ist. Unsere Gesellschaft verspielt dabei die großen Potenziale, die in jedem Menschen schlummern, wenn sie nur die passenden Rahmenbedingungen finden, um sich zu entfalten. Wir brauchen ein grundsätzliches gesellschaftliches Umdenken, damit Menschen nicht länger nach Kriterien der ökonomischen Nutzbarmachung bewertet, sondern jeder mit seinen einzigartigen Fähigkeiten, aber auch mit seinen Schwächen angenommen wird.

Stephanie Walter engagiert sich für Umwelt- und Soziales

Hier die vollständige Ausgabe des Faktencheck Wuppertal

 

--> hier der FC Europa

 

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