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Emmely ist tot

27.03.2015

Barbara Emme, auch bekannt als Emmely, ist in der Nacht von Montag auf Dienstag überraschend an Herzversagen gestorben, sie wurde 57 Jahre alt. Sie hat 1977 begonnen, bei der HO(Handelsorganisation) zu arbeiten, und war damit 38 Jahre imselben Arbeitsverhältnis im Einzelhandel tätig.Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde sie durch den Kampfgegen ihre Kündigung. Die Kaiser’s-Tengelmann AG hatte ihr imFebruar 2008 kurz nach dem Streik im Einzelhandel gekündigt,Emmely hatte für ihre Gewerkschaft ver.di die Streikliste inihrer Filiale in Berlin-Hohenschönhausen geführt. Die Kaiser’s-Tengelmann AG kündigte, Emmely wegen des Verdachts, sie habe Pfandbons zu insgesamt 1,30 Euro, die ein Kunde im Ladenverloren hatte, zu Unrecht eingelöst. Ihre Gewerkschaft hatte ihr immer wieder geraten, eine Abfindungzu akzeptieren, aber Emmely ging trotz zwei verlorener Verfahrenbeim Arbeitsgericht und Landesarbeitsgericht in Berlin vor dasBundesarbeitsgericht in Erfurt. Alle drei Gerichte gingen davonaus, dass die Emmely die Pfandbons zu Unrecht eingelöst hatte.Emmely hat diesen Vorwurf immer abgestritten.

Trotzdem gab dasBundesarbeitsgericht im Juni 2010 der Klage Emmelys gegen dieKündigung statt, indem es die Kündigung als unverhältnismäßigeinstufte und Emmely erhielt ihren Arbeitsplatz zurück.Für Emmely bedeutete der Kampf gegen die Kündigung einerseits viel Unterstützung durch die Öffentlichkeit, neue Bekanntschaftenin ganz Deutschland und viele neue Erfahrungen, aber auch einehohe nervliche Belastung: ständig wollte die Presse mit ihr sprechen, Juristen der Arbeitgeberseite bezeichneten sie als„notorische Lügnerin“, sie musste in eine kleinere Wohnung ziehenund der Ausgang des Verfahrens war ungewiß. Ihre Berühmtheit warein hohes Risiko: Wer will schon eine engagierte Gewerkschafterineinstellen, die ihre Renitenz sogar in der Show von JohannesB. Kerner bekräftigt?

Es war beeindruckend, mit welcher Energie und welchem Trotz, die auch aus Stolz auf die von ihr geleistete Arbeit rührten, sich Emmely gegen die Anschuldigungen gegen sie und dem Verlust ihres Arbeitsplatzes gewehrt hat. Noch am selben Tag, an dem Sie ihren zweiten Prozess verloren hatte und unter Tränen zur Pressesprach, fuhr sie mit ihrem Anwalt, Benno Hopmann, nach Hamburg, um abends im Fernsehen aufzutreten. Niemand von den erfahrenen AktivistInnen, die sie unterstützt haben, hätte dazu den Mutaufgebracht. Wir haben ihr sogar abgeraten, doch Emmely hatte keine Scheu davor. „Jetzt erst recht.“ – dies war die Haltung, die sie ausgestrahlt hat. Nach ihrem Erfolg vor dem Bundesarbeitsgericht erhielt Emmelyerst einmal auch den Urlaub und den Lohn für mehr als 2 Jahre undkonnte so an der Weltfrauenkonferenz in Venezuela im Jahr 2010 teilnehmen. An ihrem alten neuen Arbeitsplatz erhielt sie weiterhin viel Zuspruch von KundInnen und auch vonMitarbeiterInnen, oft erhielt sie kleine Geschenke oder wurdenach Autogrammen gefragt. Sie blieb weiterhin politisch engagiert, hat regelmäßig ihren Bildungsurlaub bei einer von GewerkschafterInnen organisierten Reise nach Frankreich verbracht und lernte dort viele AktivistInnen kennen, die wie sie gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung kämpften. Im Einzelhandelsstreik 2013 hat Emmely sich an Aktionen beteiligt, bei denen Berliner Beschäftigte KollegInnen in Brandenburg mit der Blockade einer Supermarktfiliale unterstützt haben.

Bei den Betriebsratswahlen 2014 wurde sie bei Kaisers in den Betriebsrat gewählt. Wenige Monate später hat Kaisers Tengelmanndas Aus für die Lebensmittelkette verkündet, die nun zwischen Edeka und Rewe aufgeteilt werden wird. Emmely klagte häufig überlange zehnstündige Schichten, die sie sehr erschöpft haben. Zuletzt hat Emmely sich in einem Bündnis von GewerkschafterInnen gegen das Tarifeinheitsgesetz engagiert. Ihr Bildungsurlaub inFrankreich im April dieses Jahres wurde nach langem Hin und Hermit dem Arbeitgeber genehmigt. Sie kann ihn nicht mehr antreten. Emmely hinterläßt drei Töchter. Wir werden Sie nicht vergessen. An Emmelys Fall wurden Bagatell- und Verdachtskündigungen breitdiskutiert und kritisiert. In mehreren Städten der BRD fanden Veranstaltungen statt. Zahlreiche vergleichbare Fälle wurden inden Medien aufgegriffen. Emmelys Erfolg vor dem Bundesarbeitsgericht kam für alle erfahrenen Beobachter völlig überraschend. Unmittelbar danach gewannen mehrere gekündigte ArbeiterInnen ihre Bagatellkündigungen vor Arbeitsgerichten, die zuvor immer zu Gunsten der Arbeitgeber geurteilt hatten. ArbeitsrechtlerInnen beobachteten danach einen Rückgang von Bagatellkündigungen, aber auch eine Anpassung der Arbeitgeber:Die Zunahme von Abmahnungen auf Vorrat und die Hortung vonabgelaufenen Abmahnungen in Parallelakten, um ArbeiterInnenweiterhin prozessfest kündigen zu können. Nach unserem gegenwärtigen Wissenstand möchte die Familie eine Beerdigung im kleinen Kreis ohne öffentliche Aufmerksamkeit.

Aus dem Komitee "Solidarität mit Emmely": Jörg, Willi, GregorTelefonische Rückfragen unter: 01578 - 733 97 32

Foto: Emmely auf einer Veranstaltung in Wuppertal in 2010 zum Thema Verdachtskündigungen.

 
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