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Solidarität mit dem Itzehoher Polizeisprecher bzl. Tönnies-Schlachthofes

31.10.2019


Solidarität mit dem Itzehoher Polizeisprecher – anlässlich der kurzzeitigen Besetzung des Kellinghusener Tönnies-Schlachthofes durch eine Gruppe von Tierrechtlern
Veröffentlicht am 30/10/2019 von Redaktion — Jour Fixe
Lieber Herr Hinrichs,

Sie haben als Polizeisprecher vor Ort am 20.10.2019 während des Einsatzes der Polizei gegen die 28 TierrechtlerInnen auf dem Gelände der Großschlachterei in Kellinghusen gesagt: „Persönlich finde ich das Verhalten der jungen Leute sehr gut. Dass sie sich so mutig für das Tierwohl einsetzen. Die Frage stellt sich natürlich, ob das mit Straftaten einhergehen muss, aber grundsätzlich finde ich es sehr schön, dass die Tiere hier Anwälte gefunden haben.“

Obwohl Sie die Aktion der TierrechtlerInnen als Straftat bezeichnet haben und ausdrücklich ihre Meinung als persönliche darstellten, wurden Sie von Vorgesetzten gerügt und beurlaubt. Von Bauern wurden Sie beschimpft.

Wir vom Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg erklären uns solidarisch mit Ihnen!
Wir machen seit Juni vorigen Jahres mit beim Stützkreis Kellinghusen, einer Inititative gegen die Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse der Tönnies-WerksvertragsarbeiterInnen. Dadurch haben wir einen guten Einblick in das „System Tönnies“ als Werkvertragssystem mit Subsubunternehmern bekommen.

Kürzlich wurde öffentlich, daß 20 Prozent der Schweine gar nicht den Schlachthof erreichen sondern notgeschlachtet werden. Der Spiegel nannte es „Qual für den Profit“. Der Tönnies-Schlachthof in Kellinghusen dürfte davon nicht ausgeschlossen sein.
https://www.spiegel.de/wirtschaft/nottoetungen-in-der-schweinemast-qual-fuer-den-profit-a-1290250.html

Mitte dieses Monats wurde von einem Großeinsatz gegen die Großschlachtereien in NRW berichtet, der von Arbeitsminister Laumann angeordnet worden war.
„Die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie“ seien keine Ausnahmen, sondern „systemimmanente Verstöße gegen das Arbeitsrecht“, so Minister Laumann in der Neuen Westfälischen!. Zwischen Juli und September wurden in 30 größeren Schlachtbetrieben unangemeldete  Betriebsprüfungen durchgeführt. Obwohl erst 40 Prozent der Unterlagen ausgewertet sind, seien bereits 3.000 Arbeitszeitverstöße, 900 Verstöße gegen arbeitsmedizinische Vorschriften und 100 technische Arbeitsschutzmängel mit teilweise hohem Gefährdungspotenzial ermittelt worden. (Neue Westfälische vom 16.10.2019)
https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/22589083_Katastrophale-Bedingungen-in-Schlachtbetrieben-in-NRW.html

Namen der Großschlachtereien durften von Minister Laumann nicht genannt werden, aber es deutet alles darauf hin, daß auch bei der Firma Tönnies „katastrophale Arbeitsbedingungen“ herrschen.
Falls der schleswig-holsteinische Arbeitsminister unangemeldete Betriebskontrollen in diesem Land und damit auch bei Tönnies Kellinghusen durchführen würde, so ist anzunehmen, daß er zu ähnlichen Untersuchungsergebnissen käme.

 
Lieber Herr Hinrichs,

diese Fakten zeigen, daß Ihre persönlich-menschliche Reaktion bei dem Polizeieinsatz am 20.10.2019 wohlbegründet war.
Die 28 TierrechtsaktivistInnen haben auf diese Zustände in der Schlachthofindustrie mutig und in vollem Wissen der Konsequenzen ihres Einsatzes aufmerksam gemacht. Dafür haben sie Ihre und unsere Hochachtung bekommen.

Die Straftaten in der Schlachthofindustrie werden nicht oder sehr selten geahndet, die Straftat der TierrechtsaktivistInnen allerdings mit Sicherheit. Leider ist es in unserer marktkonformen Demokratie so, daß erst eine Gesetzesverletzung, wie z.B. eine Betriebsbesetzung, stattfinden muss, bevor mediale Aufmerksamkeit erreicht werden kann.

 
Lieber Herr Hinrichs,

törichte Bauern sind im Internet mit Beschimpfungen und der Forderung Sie zu entlassen,  über Sie hergefallen. Dieselben haben sich aber nicht zu Wort gemeldet, kein Wort darüber verloren, als Schweinemäster aus den eigenen Reihe ihre kranken Tiere 35 Minuten lang mit einem Holzknüppel versuchten totzuschlagen oder mit einem Bolzenschußgerät traktierten und dann einfach im Todeskampf liegen ließen.

Wir hoffen, daß Sie sich nicht unterkriegen lassen, daß Sie bei Ihrer Haltung bleiben. Wir denken, daß nicht nur wir, sondern ein großer Teile der Bevölkerung – nicht nur TierrechtlerInnen und GewerkschafterInnen – auf Ihrer Seite stehen. Es geht um eine menschliche und couragierte Haltung in diesem System. Außerdem hoffen wir, daß Sie von vielen Ihrer KollegInnen unterstützt werden, in Itzehoe und anderswo.

Herzliche solidarische Grüße

Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg

i.A. Dieter Wegner

 
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