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Die Kinder von Moria - Lesbos

09.03.2020

Der Sturm rast durch die Ägäis. Auf der Insel Lesbos steht das Flüchtlingslager von Moria, das grösste Europas. Sein Boden ist zu Sumpf geworden. Nahe dem scharf bewachten Eingangstor, hinter einer dreifachen Reihe von Nato-Stacheldraht, spielen zwei kleine, sichtlich unterernährte Jungen mit einer Kugel aus Stoffresten Fussball. Sie sind neun oder zehn Jahre alt, haben struppiges, schwarzes Haar und grosse, dunkle Augen. Beide spielen mit blossen Füssen und sind über und über mit Schlamm bespritzt.Mein Begleiter in Moria ist der Uno-Flüchtlingsdelegierte Patrice Mansour. Er spricht Arabisch und kennt die Jungen.


UNBEGLEITET, SCHUTZLOS. Die beiden sind seit drei Jahren Gefangene in dem Lager. Sie leben eingepfercht in einem Gemeinschaftszelt. Die Nahrung ist ungenügend und oft ungeniessbar. Eine Schule gibt es nicht. Die hygienischen Verhältnisse sind fürchterlich: eine meist verstopfte, stinkende Toilette für 100 Personen, eine kalte Dusche für 150 Menschen. Der ältere Junge hat Krätze, eine infektiöse Hautkrankheit.

Beide stammen aus Syrien. Der Jüngere ist der einzige Überlebende einer palästinensischen Familie, die im Flüchtlingslager Yarmuk bei Damaskus lebte. Russische Splitterbomben haben seine Mutter, seinen Vater, seine beiden Schwestern und seinen Bruder getötet. Der Ältere hat die Ruinen seiner Strasse in Aleppo mit den letzten Überlebenden verlassen. Seine Eltern blieben unter ihrem Haus begraben.

Die Jungen sind «unbegleitete Flüchtlings­kinder». Für sie gibt es seit 1989 eine Uno-Konvention «zum Schutz der Kinderrechte». Im Gemeinschaftszelt sind die Kinder schutzlos kriminellen Erwachsenen ausgeliefert. Die Konvention ist ein Hohn. In den fünf Auffanglagern auf den Ägäischen Inseln sind 34’000 Menschen aus 58 Ländern teilweise schon seit vier Jahren wie Tiere eingeschlossen. Daran wird sich auch mit den von der griechischen Regierung geplanten neuen Lagern absehbar nichts ändern. Etwa 9000 dieser Flüchtlinge sind Kinder unter fünfzehn Jahren, darunter fast 3000 unbegleitete Minderjährige.

UNBARMHERZIGER BUNDESRAT. Februar 2020. Die Schweizer Sektion von Amnesty International verlangt in einer Petition, dass die Schweiz sofort mindestens 200 unbegleitete Flüchtlingskinder aus Moria aufnehme. Die Uno-Flüchtlingskonvention von 1951 – unterschrieben und ratifiziert auch von der Schweiz – sieht die Aufnahme von Flüchtlingskontingenten ohne individuelle Asyl­prüfung vor. Die beiden kleinen Fussballer, die so sehr meinem Enkel Karim gleichen, könnten morgen früh gerettet werden.

Die Eidgenossenschaft hat mit Staatssekretär Mario Gattiker einen hervorragenden, klugen Flüchtlingsbeauftragten. Das Problem ist die bürgerliche Mehrheit des Bundesrates und ihre oft unbarmherzige Politik zur Abwehr von Flüchtlingen.

Die Schweiz ist eine Demokratie, in der das Volk nicht ohnmächtig ist. Wir müssen aufstehen und den Druck auf den Bundesrat organisieren. Damit er die Amnesty-Petition verwirklicht und wenigstens 200 Kinder aus der Hölle von Moria befreit.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neustes Buch ist: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.

 
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