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Das Katalonien von Unten und die Linke

07.06.2018

Barcelona-Sants: Die katalanische Republik wird feministisch oder gar nicht sein

Das Katalonien von Unten und die Linke

Aus der Ferne sehen die Dinge manchmal anders aus. Man kann Umrisse erkennen und die großen Gegenständen nehmen die Aufmerksamkeit in Anspruch, während die kleineren fast unsichtbar werden. Ganz zu schweigen von dem, was im Untergrund passiert. Nur von Nahem, beim gemeinsamen Erleben von Geschwindigkeiten, Tönen und dem Schweigen können wir uns der Wirklichkeit annähern und sie verstehen.

Ich hatte das große Glück am 3. Jahrestag der NGO Entrepueblos Anfang Mai in Barcelona teilzunehmen und Weggefährten wiederzutreffen, mit denen ich im Exil gekämpft habe. Ich habe fast meine gesamte Zeit dem Kennenlernen der Welt der Unabhängigkeitsverfechter von Unten gewidmet, die antikapitalistischer und antipatriarchalischer sind, als ich geahnt hatte.

Es gab Zusammenkünfte mit Vertretern der CDR (Comités de Defensa de la República, Komitee zur Verteidigung der Republik), der CUP (Candidaturas de Unidad Popular, Kandidaten der Einigkeit des Volkes), örtlicher Gruppen, von Medien, Bewegungen und sozialen Zentren, die als Archipel die Geografie von Katalonien bevölkern. Es waren nicht die Sprecher/Vorsitzenden, mit denen ich sprach, sondern AktivistInnen der Basis; und dies ist, was ich wahrgenommen habe.

Sabadell ist eine Arbeiterstadt mit 210.000 Einwohnern und eine halbe Stunde von Barcelona entfernt. 1934 war sie die erste katalanische Stadt, die sich als republikanisch erklärt hat. Ende der 90-er Jahre war es eine Hochburg des antifaschistischen Kampfes, der Hausbesetzungen und Kulturzentren. Zwischen 2012 und 2014 unterstützte sie Generalstreiks gegen die Rechte, die versuchten, die Krise auf die Arbeiter abzuwälzen.

Es gibt eine Basisbewegung Sabadell, die zig Gruppen umfasst, ArbeiterInnen, Frauen, die machtvolle Bewegung der von den Hypotheken-Betroffenen (PAH), die 500 Personen auf Versammlungen zusammenbringt, vier Gebäude besetzt hält, die in Folge der Immobilienkrise wohnungslos Gewordene beherbergen und die selbstorganisiert Lebensmittelversorgung managen. Außerdem gibt es ebenfalls zig Konsumkooperativen ohne Hierarchien und alternative Medien.

Vor einigen Monaten hatten sich sieben CDRs gegründet, die sich vorgenommen haben, so sagen die AktivistInnen, das Referendum zur Unabhängigkeitsfrage zu verteidigen. Zu Anfang stand das R (in CDR, d.Ü.) für Referendum, verwandelte sich aber schnell in Republik. In den ersten Monaten nahmen ca. 8000 Leute an den Versammlungen teil, eine astronomische Zahl für so eine kleine Stadt, und die sich jetzt auf unter 1000 Menschen verringert, die sich auf die 4-5 CDRs, die geblieben sind, verteilen.

In ganz Katalonien wurden 300 CDRs gegründet, die für die Freiheit der Gefangenen und Exilierten kämpfen, die die 150 wegen Straßenaktionen Angeklagten und die 700 von der spanischen Justiz bedrohten Bürgermeister verteidigen. Das Potenzial bestehe darin, sagt ein Compañero, dessen Namen ich nicht nenne, weil die Repression real ist, dass es möglich ist, Menschen ganz verschiedener Couleur zu mobilisieren. Er bezieht sich dabei nicht nur auf die unterschiedlichen politischen Ansichten (von den Anarchisten bis zu Sozialdemokraten), sondern auch auf die verschiedenen Altersgruppen, bei denen die Älteren eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Repression spielen: die „Oldies“ stellen sich in die erste Reihe und versuchen, die Polizei umzustimmen oder herauszufordern.

Die „Limitierung“, fährt der Genosse fort, bestehe darin, das Niveau der Mobilisierung zu halten. Er stellt heraus, dass der Zyklus des Procés1 geschlossen sei, dass die Leute keine Angst mehr hätten, und dass die Organisierung an der Basis sich verbreitert habe und stabil sei. Aber der Procés der Unabhängigkeit werde sehr lange dauern. Wir müssen dicke Bretter bohren, sagt er und lächelt.

In einer Sitzung mit vier CDRs aus verschiedenen Gebieten und Stadtteilen wurde betont, dass die Bewegung keine Strukturen habe. Jedes CDR ist souverän und entscheidet in eigener Verantwortung, immer unter Einhaltung der Prinzipien von Gewaltlosigkeit, des aktiven Widerstands und der Ablehnung von Hierarchien. Eines der großen Probleme ist, dass die traditionellen Organisationen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung durch die Repression gelähmt sind. Also übernehmen jetzt die örtlichen Basisbewegungen, deren Erfahrungen bis auf die Kämpfe in den 90-er Jahren gegen die Globalisierung zurückgehen.

Die CDRs führen die verschiedensten Aktionen durch: sie platzieren gelbe Schleifen2 an Stränden und Straßen, blockieren Autobahnen und öffnen die Schranken der Zahlstellen, sie organisieren Unterstützung für die Feministinnen, die RentnerInnen, die Wohnungslosen3 und die Arbeiter. Jedes Mal, wenn Repression zuschlägt, kommen mehr Menschen in die Versammlungen, betont eine Jugendliche aus Rubi, einem Ort in der Peripherie Barcelonas.

Kurzfristig wollen sie den Widerstand aufrecht erhalten, um zu zeigen, dass es keine Normalität gibt, dass das Land von der Regierung Mariano Rajoy4 eingenommen wurde. Parallel dazu versuchen sie Schritte in Richtung einer anderen Ökonomie zu gehen auf Basis der langen Tradition des katalanischen libertären Kooperativismus, der die Verbindung zum Kapitalismus kappen möchte. Gemeinsam betonen sie, dass der Kampf transversal ist, für die Unabhängigkeit und gegen Kapitalismus und Patriarchat.

Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen ist die Coop57, eine Kooperative der Finanzdienstleistung, die Kredite an soziale Projekte vergibt. Sie entstand 1995 als Ergebnis des Kampfes der Arbeiter des Verlages Bruguera, die mit Teilen ihrer Abfindung einen Solidaritätsfonds gründeten. Heute gibt es 800 Einrichtungen, die die Coop57 mit ihren 4000 Mitgliedern und fast 20 Mio. Euros an sozialen Krediten jährlich unterstützt.

Ich möchte drei Aspekte der Bewegung besonders hervorheben

1. Lassen wir uns (für diejenigen von uns, die weit entfernt leben und keine Nationalisten sind) nicht durch die Unabhängigkeit blind machen, denn die Sache ist komplexer. Der antikapitalistische und antipatriarchale Charakter ist ebenso potent wie der der Unabhängigkeit.

2. Schauen wir nicht nach Oben (Puidgdemont oder Torra, z.B.), sondern nach Unten und nach Links. Hier gibt es eine Quelle von ziemlich wichtigen Erfahrungen und Lehren, die uns mit Hoffnung erfüllen und mit denen wir in einen Dialog und Lernprozess treten sollten.

 

3. Der Prozess wird sehr lang sein und nicht allen ist das klar. Es gibt auch die Meinung, dass die Unabhängigkeit ohne große Konflikte zu erreichen sei, eine Unmöglichkeit angesichts eines spanischen Zentralstaates, der nie mit den Fesseln des Franquismus gebrochen hat. Aber die Verlängerung dieses Prozesses könnte die systemkritischeren Anteile stärken.

1Als „Procés“ werden die Entwicklungen des katalanischen Unabhängigkeitsprozesses seit ca. 2010 bezeichnet.

2Im „procés“ verwendetes Zeichen zur Solidarisierung mit den Zielen desselben, teils auch spezifisch, um auf das Fehlen politischen Gefangenen und Exilierten aufmerksam zu machen.

3Gemeint sind die desahuciados, denen im Laufe der Krise ihre Wohnung durch die Banken enteignet wurde, weil sie die hohen Kredite nicht mehr zahlen konnten.

4Rajoy (PP) wurde am 1.6.2018 nach einem Misstrauensvotum als Ministerpräsident Spaniens vom Sozialisten Pedro Sanchez abgelöst (PSOE).

Raúl Zibechi (geboren 1952 in Montevideo, Uruguay) istJournalist, Schriftsteller, Aktivistund arbeitet zu politischer Theorie.

Erschienen am 25. Mai in La Jornada, http://www.jornada.unam.mx/2018/05/25/opinion/019a2pol

Übersetzung: Beatrix Sassermann, Lars Stubbe

An vielen Balkons in Katalonien: Demokratie und katalanische Flahne.

 

 
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